Ein musikalischer Gegenbesuch in China
2006 erfolgte an Akademiedirektor Ernst Leopold Schmid die Einladung, die 2005 an der Landesmusikakademie NRW begonnene Zusammenarbeit mit dem Kinderchor in Hangzhou fortzusetzen und anschließend in Beijing ein Seminar mit dem Kinderchor des Children’s Palace zu leiten. Seine Eindrücke der Reise, die vom 8. bis 17. August dauerte, gibt er im Folgenden wieder.
»Nach elfstündigem Flug erreichte ich Shanghai, wo mich eine Delegation aus Hangzhou erwartete. Entlang der Trasse des Transrapid fuhren wir mit dem Wagen zur Stadtbesichtigung in die Innenstadt von Shanghai. Bei strahlendem Wetter und tropischem Klima präsentierte sich Shanghai als eine Stadt der Superlative mit einer unglaublichen Skyline an Wolkenkratzern und futuristischer Architektur am Ufer des Huangpu, aber auch als Stadt der krassen Gegensätze zwischen arm und reich, wie beim Besuch in der Altstadt deutlich wurde. Am Abend ging es auf der Autobahn in das 180 km südlich gelegene Hangzhou, das Marco Polo einst als schönste Stadt der Welt rühmte und das noch heute ein beliebtes Touristenziel ist.
Am nächsten Morgen begann die Arbeit mit dem Kinderchor im Children’s Activity Center, die sich jeweils in eine Phase am Morgen und am Nachmittag gliederte. Bei der ersten Probe gab es ein fröhliches Wiedersehen mit den Kindern, die ich schon von Heek her kannte. In jeder Probenphase widmete ich der stimmbildnerischen Arbeit viel Zeit. Durch die hohe Sprechstimmlage und die breite Vokalisierung in der chinesischen Hochsprache muss die europäische Klangästhetik im Kunstgesang über Rundung und Weite der Vokale erarbeitet werden. Auch das Singen auf dem Atem, mit langen Atemphrasen und geführter Stimme, war ein wesentliches Arbeitsfeld. Dabei konnte ich auf die Vorarbeit in Heek aufbauen. Neben aller Offenheit und Natürlichkeit waren die Lernbegier, die Konzentration und die Aufnahmefähigkeit der Kinder außerordentlich motivierend. Diese Begeisterung setzte sich auch bei der Arbeit am Repertoire fort. Ich hatte das Volkslied Schwarzbraun ist die Haselnuss, den Kanon Caro bell’idol von Wolfgang Amadeus Mozart und die Motette Laudate pueri von Felix Mendelssohn Bartholdy ausgewählt. Die Stücke waren vom Chor vorbereitet, so dass meine Arbeit sich auf die stimmliche, artikulatorische und musikalische Ausarbeitung konzentrieren konnte. Dabei wurde ich durch eine Dolmetscherin unterstützt, aber auch ständiges Vorsingen und die Körpersprache führten rasch zu einer Verständigung. Nach drei Tagen intensiver Arbeit erreichte der Chor mit dem Repertoire ein musikalisch wie stimmlich hohes Niveau, das von einem Fernsehteam als ständigem Begleiter der Probenarbeit dokumentiert wurde. Am 12. August endete der Workshop mit einer Probenphase und einer Feierstunde. Neben der Chorarbeit sorgte ein Besichtigungsprogramm dafür, dass ich die Stadt mit dem in der Hügellandschaft eingebetteten Westsee, Klöster, Pagoden und weitere Sehenswürdigkeiten kennen lernte. Wehmütig nahmen das Chorleiterteam, die Kinder und ich schließlich voneinander Abschied.
In zwei Flugstunden erreichte ich Beijing. Nach einer kurzen Nacht im Hotel begann am 13. August mein Workshop mit dem Kinderchor des Children’s Palace. Als Arbeitsraum diente ein kleiner, akustisch hervorragender Konzertsaal im Zentrum der Stadt. Dort erwarteten mich nicht nur der Chor sowie die unvermeidliche Fernsehkamera, sondern auch 100 Lehrerinnen und Lehrer. Es stellte sich heraus, dass die Pädagogen neben der Arbeit mit dem Chor ein Fortbildungsseminar von mir erwarteten. Zum Glück hatte ich eine hervorragende Dolmetscherin zur Seite, so dass ich nach vorne zu den Kindern hin agierend wie singend und nach hinten zu den Lehrern kommentierend eine Arbeitsform finden konnte, die beide Seiten zufrieden stellte. Auch prominente chinesische Chor- und Orchesterleiter verfolgten meinen Unterricht. Wie in Hangzhou war der menschliche und musikalische Kontakt zu den Kindern rasch geknüpft. Auch hier beeindruckten die vorbehaltlose Offenheit, die Aufnahmefähigkeit und der Wissensdurst der jungen Sängerinnen und Sänger. Welchen Spaß hatten wir bei der gemeinsamen Arbeit an der Stimme, an der geradezu sprunghaften Entwicklung des Chores und an der Ausarbeitung des Repertoires. Auf dem Programm standen Wer recht in Freuden wandern will sowie die Motetten Ave Maria von Zoltan Kodaly und Es ist ein köstlich Ding von Johann Staden. Ein Rahmenprogramm mit der Besichtigung des Kaiserpalastes und des Himmelstempels, dem Ausflug zur großen Mauer bei Badaling und ein abendlicher Bummel in Beijings hypermoderner Fußgängerzone rundeten den Besuch ab. Auch die Begegnung mit der unerschöpflichen Vielfalt der chinesischen Küche und dabei die vielen Gespräche über Land, Geschichte, Menschen und Lebensalltag vertieften und erweiterten die Eindrücke, die ich von China bekam.«
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