»Aufgekratztes Spiel: Kölner Klaviertrio spielte Brahms und Beethoven im Langen Haus«
Westfälische Nachrichten Gronau, 04.01.2012
HEEK-NIENBORG. Zwei Kompositionen des 19. Jahrhunderts präsentierte das Kölner Klaviertrio am Montagabend in Nienborg. Beethovens Trio in B-Dur entstand 1811, Brahms vollendete sein Trio in C-Dur 71 Jahre später. Während dieses Zeitraums erfuhr das Genre eine erstaunliche Entwicklung, die die drei Musiker anhand der beiden Trios auf treffliche Weise gegenüberstellten: Beethovens Komposition, dem Erzherzog Rudolph von Österreich gewidmet, ist ein Paradebeispiel der Kammermusik seiner Zeit: mit klaren Strukturen, melodiösen Themen, die vier Sätze deutlich gegliedert.
Brahms dagegen strebte ein anderes Klangideal an. Auch er kam den formalen Vorgaben der Sonate nach - doch das musikalische Material, die Themen, gestaltete er wesentlich komplexer als Beethoven. Ein erheblich spröderes Klangerlebnis erwartete die Besucher im voll besetzten Kammermusiksaal des »Langen Hauses». Die beiden Streicher betonten im ersten Satz diesen spröden Charakter durch ihr energisches, regelrecht aufgekratztes Spiel, ließen die Bögen über die Saiten knarzen. Ein aufwühlender, intensiver Auftakt des Konzerts. Mit chromatischen Akkorden, unerwarteten Betonungen und relativ abrupten Satzschlüssen gaben die Musiker einen Einblick in die Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden neuen Klangwelten.
Auch wenn diese durchaus über spielerische und geistreiche Einfälle verfügten, war der Kontrast zum Beethoven-Stück mit Händen zu greifen. Dessen Trio atmet reine Poetik, steckt aber - typisch für den Komponisten - gleichzeitig voller Energie. Das Kölner Klaviertrio ließ denn auch nicht zu starke Süße aufkommen, sondern verabreichte gerade dem ersten Satz eine große Lebendigkeit.
Die stringente Form schien Beethoven beflügelt zu haben: Mit unglaublichem Ideenreichtum variierte er seine melodiösen Themen, verabreichte dem Scherzo einen spielerisch-tänzerischen Menuett-Charakter und schwelgte in der tiefsinnigen Melodie des Andante cantabile. Die drei Musiker auf der Bühne hatten spürbar Spaß an der Interpretation. Mit lebhaftem Temperament und virtuosem Elan gaben sie auch dem Finale den passenden Ausdruck.
Für die Seminaristen, die in den kommenden Tagen an der LMA mit dem Kölner Klaviertrio arbeiten werden, war das Konzert großartiger Anschauungsunterricht, für die übrigen Besucher ein erster musikalischer Höhepunkt im noch jungen Jahr 2012.
Martin Borck