»Zurück zu den Wurzeln: Abschied von Ernst Leopold Schmid«
Westfälische Nachrichten Gronau, 01.07.2011
Heek-Nienborg - Dynamisch kommt Ernst Leopold Schmid die Treppe herauf. »Ich war gerade bei den Wirtschaftsprüfern«, schmunzelt er. Im Moment geht es beim Direktor der Landesmusikakademie NRW Schlag auf Schlag, denn sein Abschied rückt mit großen Schritten näher. Auch in seinem Büro sind die Regale schon sichtlich lichter bestückt. WN-Redakteur Frank Zimmermann sprach mit Schmid über die Akademieleitung als Lebensaufgabe, das Münsterland und seine bayrische Heimat.
Herr Schmid, Sie sind der Gründungsdirektor der Landesmusikakademie. Zweiundzwanzigeinhalb Jahre hatten Sie diesen Posten inne. War die Führung der Akademie für Sie eine Lebensaufgabe?
Schmid: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Das muss man von mehreren Seiten sehen. Als junger Mann hatte ich das Ziel, Musiker zu werden, Konzertpianist. Eine erste Wendung gab‘s in meinem Leben, als ich zum Tölzer Knabenchor kam. Das kam für mich überraschend, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass man mich unter den vielen Bewerbern für diese Position als Chorleiter und Stimmbildner auswählen würde. Hier war es ganz genauso. Ich habe mich um die Stelle an der Akademie beworben, weil ich eine Alternative zu meinen bisherigen Aufgaben suchte. Ein bisschen organisatorische Erfahrung hatte ich ja schon in vier Jahren an der Musikschule in Mannheim als Bereichsleiter gesammelt. Aber ich hatte nicht im Traum damit gerechnet, dass die Entscheidung auf mich fallen würde. Mit Blick darauf, wie lange ich diese Aufgabe wahrgenommen habe - zweiundzwanzigeinhalb Jahre - kann man schon von einer Lebensaufgabe sprechen. Vor allem war es eine Lebensaufgabe, sich in das breit gefächerte Aufgabenspektrum hineinzuarbeiten.
Haben Sie denn gezögert, als die Wahl auf Sie fiel?
Schmid: Ich habe schon gezögert. Ich wollte schon den letzten Zug zurück nach Bayern erwischen, weil ich dachte, die Wahl fällt sowieso nicht auf mich. Als mir dann der damalige Gründungsvorsitzende und Vater der Akademie, Karl Feldhaus, mitteilte, dass ich ausgewählt war, habe ich mich dieser Aufgabe auch mit Haut und Haar verschrieben.
Wenn Sie auf die zweiundzwanzigeinhalb Jahre zurückblicken, wie fällt Ihr Fazit aus?
Schmid: Ich kann sagen, dass dieser Lebensabschnitt sehr prägend für mich war. Die Dinge, die ich vorher im künstlerischen und pädagogischen Bereich gelernt hatte, konnte ich hier im Haus umsetzen. Die Vielseitigkeit meiner Neigungen und Ausbildungen, sowohl im pianistischen und im sängerischen wie auch im chorleiterischen und pädagogischen Bereich, das konnte ich hier alles wunderbar verwenden. So konnte ich viele Traumprojekte verwirklichen.
Zum Beispiel?
Schmid: Die Opernprojekte, die wir hier gemacht haben. Zum Beispiel »Krabat«, die Oper von Cesar Bresgen, die wir 1991 produziert haben und mit der wir in zwölf Aufführungen quer durchs Land gereist sind. Oder »Die Geschichte von der Schüssel und dem Löffel«, eine zeitgenössische Oper die wir bei Claus Kühnl in Auftrag gegeben haben und die dann in Bielefeld mit großem Erfolg produziert wurde. Oder 2005 die Henze-Oper »Pollicino«. Das waren schon prägende Dinge. Ähnlich wie das »War Requiem«, bei dem wir mit den besten Chören aus der Region und internationalen Künstlern zusammengearbeitet haben. Es gab viele solcher Projekte, auch im Bereich der Neuen Musik und im Jazz mit Berklee und später der Europäischen Jazzakademie. Das schöne an dieser Aufgabe ist, dass der Kreativität kaum Grenzen gesetzt sind. Man darf allerdings nicht abheben, sondern muss immer schauen, was ist die Pflicht und was die Kür. Und die Pflicht war immer die Qualifizierung in der Laienmusik. Das ist einer der wichtigsten Eckpfeiler der Arbeit der Akademie. Diese haben wir unvermindert entwickelt. Zum Beispiel mit einer spartenübergreifenden Lehrgangs- und Prüfungsordnung, die nach wie vor beispielhaft in Deutschland ist. Auch der ganze Bereich Lehrerfortbildung hat sich stark entwickelt. Anfangs mit punktuellen Angeboten für Lehrer allgemeinbildender Schulen. Seit 2003 führen wir Qualifizierungen für fachfremd Musik unterrichtende Lehrerinnen und Lehrer und seit 2009 im Auftrag des Schulministeriums Zertifikatskurse durch. Damit hat dieser Bereich an der Akademie ungemein an Bedeutung gewonnen. Als weiterer neuer Aufgabenbereich ist seit 2008 die Fortbildung der Musikschullehrkräfte hinzugekommen, die im Programm »Jedem Kind ein Instrument« unterrichten.
Stichwort Pflicht und Kür. Ist der Pflichtteil, den Sie gerade beschrieben haben, auch das, was Sie jetzt Ihrer Nachfolgerin, Frau Valentin, hinterlassen?
Schmid: Dieser Pflichtteil ist der Dreh- und Angelpunkt der Arbeit der Akademie. Dazu gehört als Brücke zwischen der Laienmusik und der Lehrerfortbildung auch der ganze Bereich Musikschule. Gerade im Moment wachsen Schule und Musikschule immer mehr zusammen. Da die Wege mitzusteuern und zu ebnen, damit es zu einer erfolgreichen Verbindung dieser Arbeit kommt, wird auch in Zukunft eine ganz wichtige Aufgabe der Akademie sein. Dieses Thema kann Frau Valentin übernehmen und daran weiterbauen. Ich glaube, das ist ein Thema, das einen auch die nächsten Jahre noch beschäftigen kann. Eine Frage, die mich auch immer sehr beschäftigt hat, ist die, wo ich als Musiker bei all den organisatorischen Aufgaben eines Akademieleiters bleibe. Ohne Musik selbst auch auszuüben, hätte ich diesen Beruf nicht 22 Jahre lang durchhalten können. Deshalb war mein Bestreben auch immer, aktiv als Dozent zu bleiben und auch als Musiker weiterzu rbeiten. Ich hatte immer eine kleine Gesangsklasse mit Laien- und Berufssängern, habe meine Schüler aufgebaut und sie als Pianist in Konzerten begleitet. Auch als Chorleiter bin ich mit dem Akademiechor, dem Jungen Vokalensemble Münster und jetzt dem Knabenchor Gütersloh immer aktiv geblieben. Als Musiker auch Musiker zu bleiben, war für mich unheimlich wichtig. Ich weiß ja nicht, ob es Frau Valentin auch so geht …
Eine Frage mit lokalem Bezug. Angenommen, Frau Valentin, die ja von Berlin nach Nienborg kommt, würde Sie um einen Rat zum Umgang mit den Menschen hier im Westmünsterland bitten. Was würden Sie ihr raten?
Schmid: Mir wurde oft die Frage gestellt: »Wie kommen Sie denn mit den Menschen im Münsterland aus? Die sollen ja so schwierig und dickköpfig sein.« - Ich habe mit den Münsterländern nur positive Erfahrungen gemacht, das muss ich ganz klar sagen. Und wenn ich gefragt wurde, habe ich immer gesagt: »So dickköpfig wie die Münsterländer sind wir Oberbayern schon lange!« Man muss auch das Leben auf dem Land ein bisschen verstehen, und ich habe lange auf dem Land gewohnt. Die Menschen kommen nicht gleich auf einen zu und verstehen sich als bester Freund oder Kumpel. Aber wenn man sie einmal gewonnen hat und ins Gespräch mit ihnen gekommen ist, dann entstehen bleibende Verbindungen. So habe ich in den 22 Jahren mein Verhältnis zu den Westfalen entwickelt. Auch unter den Mitarbeitern der Akademie gibt es ja eine Reihe von Münsterländern - das ist meine wichtigste Stammmannschaft! Auf die kann ich mich 100-prozentig verlassen. Es ist zwar nicht immer einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, und man muss ihnen die Dinge oft aus der Nase ziehen, aber ich habe immer wieder das Gespräch gesucht. Und wenn man einmal im Gespräch ist, dann spürt man ein starkes Vertrauen und eine große Unterstützung. Und ohne die Unterstützung des Teams würde die Akademie heute so nicht dastehen. Auch die Verwurzelung in Traditionen ist hier sehr typisch, das ist in Oberbayern nicht anders. Der Jahresablauf ist zum Beispiel in ganz besonderer Weise geregelt, da muss man auch Rücksicht drauf nehmen, wenn man eine Institution wie diese leitet.
Zum Jahresablauf gehören ja auch Feste. Für Sie steht am Freitag ein solches Fest zu ihrem Abschied an. Was erwartet Sie da?
Schmid: Es wird eine große Überraschung für mich, denn ich weiß nichts davon. Man hat mir nur gesagt: »Wir machen ein Fest für Sie, halten Sie sich bereit!« So komme ich am Freitag mit großer Freude, aber auch mit einem gewissen Überraschungspotenzial zu dieser Verabschiedung. Als Leiter einer solchen Einrichtung muss man ja sonst alle Feste vorbereiten und organisieren. Und jetzt ist es zum ersten Mal in meinem Arbeitsleben an der Akademie so, dass ein Fest für mich vorbereitet wird und ich als Gast darauf warten kann, was auf mich zukommt.
Bleibt der Blick darüber hinaus: Mögen Sie etwas über Ihre Zukunftspläne verraten? - Zum Beispiel, wo Sie sich heute in einem Jahr sehen?
Schmid: Wenn man in den Ruhestand tritt und eine Aufgabe mit Leib und Seele gemacht hat, dann droht ja eine gewisse Leere, wenn man aus dem Beruf ausscheidet. Da ich aber nach wie vor beim Knabenchor in Gütersloh engagiert bin, ist diese Lücke schon geschlossen. Ich will aber auch wieder sehr viel mehr als Musiker tätig werden. Ich habe etliche Anfragen als Kursleiter zu etlichen Themenbereichen. Aber es zieht mich auf Dauer wieder in meine Heimat zurück. Ich denke, dass wir in einem Jahr schon wieder in Bayern sind. Da warten ja auch der Tölzer Knabenchor und viele Verwandte und Bekannte. Auch darauf freue ich mich. Es zieht mich auch zur bayrischen Kultur und Sprache zurück. Da sind meine Wurzeln, und nach diesem Lebensabschnitt kehre ich auch gerne wieder zu den Wurzeln zurück.
Werden Sie auch etwas vermissen, wenn Sie zu Ihren Wurzeln zurückgekehrt sind?
Schmid: Das glaube ich sehr, da lasse ich einiges zurück! Das Münsterland ist mir sehr lieb geworden. Wir leben in Schöppingen, und da lebe ich sehr gerne. Ich werde das schon sehr vermissen. Auf der anderen Seite ist es vielleicht auch eine Belastung, wenn man hier wohnt und immer die Akademie vor sich hat. Dann schleicht man um dieses Haus herum und denkt, das war mal »mein Haus«. Ich finde es richtig, wenn man einen klaren Schnitt macht und sagt: »Bis hierher, und jetzt tragen andere die Verantwortung.« Natürlich werde ich gerne einen Rat geben, wenn ich danach gefragt werde. Aber es soll nicht einmal der Geruch aufkommen, dass ich mich in die weiteren Geschicke der Akademie einmischen wollte oder würde.