»Meister der sanften Töne: Jiggs Whigham setzt bei der Internationalen Jazzakademie neue Akzente«

Westfälische Nachrichten Gronau, 20.05.2010

Heek-Nienborg - »Das ist hier fantastisch - in jeder Hinsicht!« Jiggs Whigham ist begeistert von den Arbeitsbedingungen in der Landesmusikakademie. Seit drei Tagen leitet der Posaunist und Musikprofessor als künstlerischer Leiter die Europäische Jazzakademie in Nienborg, »mit einem lachenden und einem weinenden Auge«. Erst im März ist sein langjähriger Freund und musikalischer Weggefährte Peter Herbolzheimer gestorben. Herbolzheimer hatte nicht nur die Jazz-Szene in Deutschland entscheidend geprägt, sondern auch über Jahre die künstlerische Leitung der Jazzakademie inne.

»Herbolzheimer hat auf dem Krankenbett noch gesagt, dass es unbedingt weitergehen soll«, erklärte Ernst Leopold Schmid im Gespräch mit den WN. So kurzfristig einen geeigneten Ersatz zu finden, sei aber doch »ein Riesenkraftakt« gewesen. Das Glück kam schließlich zu Hilfe: ein Aufnahmetermin bei der BBC, den Whigham im Kalender stehen hatte, wurde verschoben. Schmid: »Er hat dann spontan zugesagt.«

Whigham glaubt nicht an Zufälle. Sein Lebensweg, die Platten, die er als Heranwachsender hörte, die Engagements und Lehraufträge, die Begegnungen mit Menschen - das sei vorbestimmt, meint er. Darum erlebe er sein Leben mit der Musik auch als Geschenk. Mit entsprechender Konsequenz: »Ich habe in meinem Leben von Musik so unglaublich profitiert - ich muss versuchen, das in irgendeiner Form weiterzugeben.«

Bei den Proben der Big Band kann man erleben, wie er das tut: »Yes, Mr. Oliver!«, lobt er den Drummer. »Das wird kommen«, muntert er den Trompeter auf, der sich mit den höchsten Tönen abmüht. Bei »Funky Cha Cha« drückt er dem freien Pianisten kurzerhand die Kuhglocke in die Hand und demonstriert selbst, wie er das zu spielen hat. Mal setzt er sich selbst ans Klavier, mal streicht er dem Gitarristen übers Haar, und wenn es nötig ist, wird auf seine Weise improvisiert. Etwa, als dem Pianisten bei »First Love Song« ein Teil der Noten fehlt. »Spiel, was du willst«, sagt er. »Denk an einen Sonnenuntergang, eine schöne Frau, ein Glas Bier.«

Whigham ist ein Meister der sanften Töne, nicht nur, wenn er selbst die Posaune an die Lippen setzt. Er fordert, ohne fordernd zu klingen. »Ich möchte am Sonntag ein Event haben«, sagt er. »Ihr auch.« Selbst wenn er die Instrumentalisten korrigiert, haben alle ihren Spaß. »Schon bevor Ihr anfangt zu spielen, ist es zu laut«, sagt er etwa, als bei »Walkin´ Tiptoe« von Bert Joris die Bläser in klassischer Big-Band-Manier loslegen. Im dritten Anlauf klappt die Dynamik. Whigham strahlt in die Runde, der Posaunist bekommt bei »Funky Cha Cha« ein »Thumbs up«, der Trompeter ein dickes Lob, als die hohen Töne endlich kommen, und auch der Bandleader wird bedacht. »Ich liebe es, recht zu haben«, zwinkert er dem Trompeter zu.

Whigham und Jazz - das ist wie die Geschichte einer erfüllten Liebe. Die Leidenschaft kommt ohne Schmerz daher, die Perfektion ohne Allüren. »Wir sind Musikdiener«, sagt er. »Das ist unsere Aufgabe.«

Herbolzheimer habe er sehr viel zu verdanken, meint er. Er habe dieses Erbe mit Respekt und Bedacht übernommen. Doch er wolle auch eigene Akzente setzen und Ideen einbringen. So finden bereits in dieser Woche unter dem Titel »Faculty presents« jeden Mittag kleine Dozentenvorspiele in wechselnder Besetzung statt. »Da haben wir die Möglichkeit, uns spontan und ohne große Proben zu präsentieren. Und die Teilnehmer haben mehr von uns, als wenn sie uns nur im Dozentenkonzert und im Unterricht jeweils einzeln erleben.« Und auch zum so scheinbar selbstverständlichen Hören hat der 66-Jährige Lehrreiches im Koffer. »Listening« nennt sich der Workshop, bei dem er einen Plattenspieler anschließt und mit einem Stapel alter Schallplatten die Bedeutung von Hörerfahrungen in der Musik nachvollziehbar macht. »Das ist eine sehr persönliche Geschichte«, erklärt er. Stan Kenton, Duke Ellington, das Henry-Mancini-Orchestra, aber auch Strawinsky hat er im Gepäck, »weil das so beglückend ist«.

Leise, glücklich lächelnd geht auch Ernst Leopold Schmid von Raum zu Raum. Nächstes Jahr wird er in den Ruhestand gehen - dies ist seine letzte Europäische Jazzakademie in Nienborg. Er ist erleichtert: »Da haben wir schon den richtigen Nachfolger gefunden«, meint er. Und auch Whigham weiß schon jetzt: »Ich würde liebend gerne weitermachen.«

Von Christiane Nitsche, Gronau