»Ich bin hier angekommen«

Westfälische Nachrichten, 15.05.2009

Heek-Nienborg - Zum 20-jährigen Jubiläum der Landesmusikakademie NRW in Nienborg sprach Redaktionsmitglied Frank Zimmermann mit dem Direktor der Akademie Ernst Leopold Schmid:

Herr Schmid, als Sie zum zehnjährigen Jubiläum der LMA mit den Westfälischen Nachrichten gesprochen haben, war Geld ein sehr bestimmendes Thema. Ist das heute immer noch so?

Schmid: Man muss sagen, dass das Land NRW damals, bei der Gründung der Musikakademie Immenses geleistet hat. Immerhin hat das Land 90 Prozent der Grunderwerbs-, Bau- und Einrichtungskosten getragen, um diese Landesmusikakademie auf die Beine zu stellen. Natürlich haben die Trägerverbände, die die Initiatoren dieser Akademie waren, damals auch einen erheblichen Eigenbeitrag geleistet. Und die Trägerverbände haben auch über mehr als zehn Jahre versucht - und zwar mit Erfolg - die Schulden abzutragen, die ja aus dem Eigenanteil resultierten, den der Trägerverein aufbringen musste. Das war erheblich, das waren über zwei Millionen D-Mark! Das war für die Akademie über zehn Jahre doch eine eminente Belastung. Aber es ist gelungen! Der Bau und die Einrichtung der Akademie ist aber ja nur eine Säule. Die andere ist der Betrieb der Akademie: Dieser wird von Anbeginn institutionelle gefördert durch das Land Nordrhein-Westfalen. Diese institutionelle Förderung und die Entwicklung dieser Förderung, muss sich gemäß der Belegung und der Betriebskosten der Akademie entwickeln. Die haben wir ja gar nicht alle in der Hand, da können wir noch so vorsichtig und verantwortlich mit den Mitteln umgehen. Das Verhältnis zwischen der institutionellen Förderung und unseren Einnahmen deckt ja erst den Betriebshaushalt. Und da hatten wir schon immer wieder Sorgen. Wir mussten einen Anteil für die Schuldentilgung abziehen - den mussten wir zusätzlich erwirtschaften - und gleichzeitig unsere laufenden Betriebskosten gemeinsam mit der institutionellen Förderung decken. Das war oftmals gar keine leichte Situation und ist es auch bis heute nicht. Allerdings muss ich sagen, dass es der Akademie hilft, dass Musik und Musikkultur in unserer Gesellschaft in den letzten zehn Jahren plötzlich wieder einen Stellenwert gewonnen hat; auch im Bewusstsein der Politik und natürlich besonders der Bildungspolitik. Und das macht es uns heute etwas leichter, unsere Ziele zu verwirklichen.

Spielen da Initiativen wie »Jedem Kind sein Instrument« oder »Jedem Kind seine Stimme« eine Rolle?

Schmid: Ja, das spielt eine große Rolle! Die Akademie ist ja zunächst einmal mit der Kraft der Laienmusik gegründet worden, die auch eine politische Kraft ist. Die Laienmusik spielt im bevölkerungsreichsten Land NRW, das also über ein großes Wählerpotenzial verfügt, eine wichtige Rolle. Und das ist die Basis unserer Kultur. Das ist ja auch so schön, dass unsere Kultur in der Bundesrepublik auf der Laienmusik basiert. Und nun, im zweiten Jahrzehnt, hat sich der Schwerpunkt zwar nicht von der Laienmusik weg verlagert, aber wir haben einen zusätzlichen Schwerpunkt im Bereich der Musikpädagogik bekommen. Der war am Anfang in dieser Weise nicht ausgeprägt, hat sich nun aber sehr stark ausgebaut. Das ist die entscheidende Veränderung, die in den letzten zehn Jahren an der Akademie stattgefunden hat. Wir machen die Laienmusik nach wie vor, mit der gleichen Intensität; als gleichwertige Säule dazugekommen ist aber die Musikpädagogik. Und zwar nicht so sehr im Bezug auf Musikschule zum Beispiel, sondern direkt im Bezug auf Schule. So kann man in der Musikpädagogik zwei Stränge beobachten: Zum einen sind das Projekte, die von außen in die Schulen getragen werden. Dazu gehört zum Beispiel »Jedem Kind ein Instrument« oder ein Projekt wie »Kultur und Schule«. Dabei gehen bildende Künstler, Literaten, Tänzer, aber eben auch Musiker an die Schulen und machen dort ganzjährige Projekte. Der Bereich der Offenen Ganztagsgrundschule gehört dazu, wo es neben Hausaufgabenbetreuung, Sport und weiteren Angeboten auch Musikangebote gibt. Das ist der Strang der Projekte, die von außen an die Schulen kommen. Und dann gibt es noch das, was in der Schule selber sich entwickelt. Nicht nur, dass die Projekte, die von außen kommen, motivierend und befruchtend für die kulturelle Bildung an den Schulen wirken. Es geht auch darum, was zum Beispiel die Lehrer an den Grundschulen tun: Was passiert da mit dem Musikunterricht? Wie wird der erteilt? Was kann man dafür tun? Es gibt ja das Schlagwort, dass 80 Prozent des Musikunterrichts an den Schulen gar nicht stattfindet und dass die restlichen 20 Prozent zu 85 Prozent von fachfremden Lehrern erteilt werden. Lehrern also, die Musikunterricht erteilen, ohne eine fachliche Ausbildung. Und auch da setzten wir inzwischen sehr stark an. Wir machen umfangreiche Fortbildungen für die Lehrerinnen und Lehrer, die fachfremd Musik unterrichten. Also kann man die Frage nach der musikalischen Bildung an den Schulen von beiden Seiten sehen: bezogen auf das, was von innen und was von außen kommt. In beiden Bereichen sind wir sehr stark tätig.

Da schließt sich die Frage nach der dritten Säule ihrer Arbeit an. Das ist neben der Laienmusik und der Musikpädagogik die Begabtenförderung. Welches Gewicht hat diese Säule in ihrer Arbeit?

Schmid: Die Begabtenförderung halte ich für ein entwicklungsfähiges Potenzial an der Musikakademie. Begabtenförderung ist in ganz starkem Maße individuelle Förderung, die dadurch - das betrifft zum Beispiel auch den Instrumentalunterricht an Musikschulen - sehr kostenaufwendig ist. Hier muss man große Anstrengungen unternehmen für eine relativ kleine Gruppe besonders Hochbegabter. Da haben wir in den letzten Jahren immer wieder Projekte gehabt. Ich denke zum Beispiel an das große Projekt »Neue Musik mit historischen Instrumenten«, wo wir junge Komponisten eingeladen haben, damit sie hier die Instrumente der alten Musik kennengelernt haben und die Notationstechniken der alten Musik. Kammermusik-Kurse oder Meisterkurse sind andere Projekte, die sich im Laufe der Jahre entwickelt haben; auch durch den Kontakt zu international renommierten Künstlern und Pädagogen. Ich denke da zum Beispiel an den Homero-Francesch-Meisterkurs, oder Gerhard Mantel, der hier unterrichtet hat oder Ida Bieler, die jetzt kürzlich wieder mit ihrem Meisterkurs hier war. Das ist aber nur ein relativ kleiner Bereich. Wenn man allerdings zu diesem Bereich die Landesjugendensembles in NRW zählt, die ja hier ihre Arbeitsstätte haben, dann wächst dieser Bereich entsprechend. Denn natürlich sammeln sich auch in den Landesjugend-Ensembles die ersten Preisträger der Landes- und Bundeswettbewerbe; das ist ja auch Begabtenförderung. Ich denke allerdings, dass der Bereich sich in den nächsten Jahren an der Akademie weiterentwickeln wird, weil die Akademie immer geschaut hat, dass sie zwischen allen Bereichen des Musizierens Brücken baut. Also zwischen der Laienmusik einerseits und der anspruchsvollen klassischen Musik andererseits und dazwischen die ganze Palette der sonstigen Musikgenres wie Popularmusik, Volksmusik und Jazz. Ich finde auch wichtig, dass wir dies quer durch alle Generationen tun. Wir sind nicht nur eine Akademie für junge Leute, sondern auch für die Erwachsenen und die Senioren. Zwischen diesen ganzen Gruppen und Genres versuchen wir Brücken zu bilden. Und das haben wir auch in all den Jahren seit der Gründung immer versucht. Beispielsweise in Opernprojekten wie der »Geschichte von der Schüssel und vom Löffel«, eine Oper, die wir als Auftragskomposition in Bielefeld herausgebracht haben. Oder »Pollicino«, die Oper von Hans Werner Henze, mit der wir durch Nordrhein-Westfalen getourt sind und bei der sich Jung und Alt, Profis und Laien verbunden haben. Mit solchen Projekten haben wir versucht, die Aufgabe der Brückenbildung auszufüllen.

Kommen wir von den Inhalten Ihrer Arbeit zum Ort, an dem sie sie leisten: Die LMA ist mittlerweile über sieben Gebäude im Ortskern verteilt. Als letztes ist das Haus für die Dozenten hinzugekommen. Hat sich dieses dezentrale Gebäudekonzept bewährt? In der Gründungszeit stand ja noch ein Fragezeichen dahinter.

Schmid: Das ist heute vielen gar nicht mehr bewusst: Ursprünglich war die Akademie nur auf der Burg Nienborg geplant. Und wenn dieser Komplex dort entstanden wäre, wäre das ein unverhältnismäßig großer Baukomplex geworden, der die Burg optisch und atmosphärisch erheblich verändert hätte. Dann hat man sich mit guten Argumenten dafür entschieden, eine dezentrale Anlage in Kauf zu nehmen. Damals sprach man von »in Kauf nehmen«. Man betrachtete es als Kompromiss und hat das Musikzentrum auf das ehemalige Betriebsgelände der Firma Cramer gesetzt. Aber heute schaut das total anders aus: Das Konzept der Trennung zwischen Essen, Wohnen und Arbeiten, verteilt auf sieben Gebäude im Nienborger Ortskern, hat sich als ganz großer Vorteil herausgestellt. Durch die Bewegung im Ort - die Gäste gehen vom Musikzentrum zu den Gästehäusern, zum Langen Haus, zur Mensa - lernen die Gäste den Ort richtig kennen. Und es findet auch Kommunikation mit den Menschen statt. Das sorgt dafür, dass die Akademie auch wirklich im Ort verwurzelt wird und sich nicht hinter irgendwelchen Kloster- oder Burgmauern verbirgt, wie das in vielen solchen Einrichtungen in der Bundesrepublik der Fall ist. Außerdem besteht so nicht die Gefahr, dass die Menschen, die hier länger Arbeiten, eine Art klaustrophobischer Anfälle bekommen, weil sich eben nicht alles in einem Gebäude abspielt. Die verschiedenen Bereiche Essen, Schlafen, Arbeiten, sind ja nicht unbedingt miteinander kompatibel. Darum ist es ein großer Vorteil, dass man hier im ersten Haus isst, im zweiten Haus wohnt und im dritten arbeitet. Der letzte große Vorteil ist unser Dozentenhaus, das Sie gerade schon angesprochen haben: Jetzt haben die Dozenten die Möglichkeit, in einem eigenen Haus auf einem schönen Standard zu wohnen, und dabei ganz nah an den Teilnehmern der Kurse zu sein. Damit haben sie »ein eigenes Reich«, sodass sie sich auch mal zurückziehen können. Das ist für einen Pädagogen, der den ganzen Tag mit höchster Konzentration versucht weiterzugeben, was er kann, eine ganz wichtige Grundvoraussetzung für gute Arbeit. So hat sich dieses dezentrale Konzept insgesamt nicht als Notlösung, sondern als eine hervorragende strukturelle und inhaltliche Lösung herausgestellt.

Stichwort: „in Nienborg verwurzelt: In ihrer Sprachmelodie klingt noch ihre bayrische Heimat durch. Sind Sie nach 20 Jahren ganz an der Dinkel angekommen?

Schmid: Ich erinnere mich noch unheimlich gut daran, wie ich mit meiner Frau hier hoch gefahren bin, damals noch über die halbfertige A 31, bei Regen. Meine Frau sagte immer nur: »Hm, ist das platt!« Und ich sagte: »Das ist doch ganz hübsch. Schau dir doch diese Parklandschaft Münsterland an.« Aber sie blieb dabei: »Ist das platt!« Aber als ich dann zum ersten Mal im Langen Haus war, oben in diesem Burggebäude, und vom damaligen Kammermusiksaal hinaus in die Amtsgärten und die dahinter liegenden Wiesen blickte, und sah dort die Schafe und die Gänse und die Idylle dieser Landschaft, habe ich mir gedacht: »Eine ideale Gegend, um sich auf ein Ziel zu konzentrieren, um zu sich selber zu kommen.« Keine aggressiven Reize in der Landschaft. Dafür eine Ausgeglichenheit und Balance - ganz anders als im bayrischen Voralpengebiet, wo ich herkomme. Die Landschaft ist licht. Wenn im Voralpengebiet schlechtes Wetter ist, dann ist es richtig dunkel, düster und bedrohlich. Hier hat man immer dieses Licht, das einen immer umgibt; eine ganz besondere Atmosphäre einfach. Und dann auch kennenzulernen, dass es nicht nur diese Prunk-Kultur wie in Bayern gibt, sondern auch eine Kultur kleiner Schlösser, die, wie man so schön sagt, im Wasser träumen, dass es einen ganz eigenartigen Reiz der Landschaft gibt - dadurch bin ich schon hier angekommen. Ich fühle mich hier sehr wohl und das, was man den Westfalen und Münsterländern an Sturheit nachsagt, das haben wir in Bayern schon lange! Insofern trifft man hier nicht auf so viel Fremdes. Ich finde auch sehr gut, dass die Akademie auf dem Lande ist! Man stelle sich mal vor, sie wäre nicht auf dem Lande, sondern in Düsseldorf, so wie es mal geplant war. Dann würden die Menschen ja alle weglaufen. Sie würden immer dann, wenn der Kurs vorbei ist, nach Hause strömen, würden Bekannte besuchen oder die Disco. Gerade durch die Lage hier im idyllischen Münsterland ist Konzentration auf das Ziel angesagt - und das lässt sich dann auch verwirklichen.

Da klingt viel Zufriedenheit durch. Haben Sie denn auch einen Wunsch zum 20-Jährigen der LMA, zum Beispiel an die Politik?

Schmid: Zunächst bin ich sehr dankbar dafür, dass wir uns so entwickeln konnten. Dazu hat das Land sehr viel beigetragen. Auch in den letzten Jahren, durch eine kontinuierliche Förderung und eine kontinuierlich steigende Förderung. Die ist natürlich unbedingt notwendig, wenn man nicht in jedem Jahr immer wieder von Neuem in dasselbe Loch fallen will - wie es übrigens über Jahre der Fall war, in denen ich über große Teile der Zeit ums Geld gekämpft hab. Aber, Wünsche gibts, die eng damit zusammenhängen, dass wir so ein starkes Standbein in der Musikpädagogik dazubekommen haben. Wir wollen diese Landesprojekte, zum Beispiel »Kultur und Schule« oder »Jedem Kind sein Instrument«, tatkräftig unterstützen. Und dafür reichen unserer bisherigen Ressourcen an Räumen und Personal einfach nicht mehr aus. Wenn wir weiter so eine aktive Rolle spielen wollen, auch im Interesse der kulturellen Ziele, die in Nordrhein-Westfalen formuliert worden sind, dann brauchen wir Zuwachs an Personal und Räumen. Wir haben eine ziemlich kleine Verwaltung. Deshalb brauchen wir auch für die vielen Projekte, an denen wir heute schon beteiligt sind, zum Beispiel im Bereich qualifizierender Fortbildungen für Lehrer, Zuwachs. Ich bin aber auch sehr zuversichtlich, nachdem dieser Zug Kultur in Nordrhein-Westfalen jetzt doch mit Schwung angefahren ist, dass wir richtige Perspektiven in die Zukunft haben. Da macht es Sinn, hier eine stabile Basis für die Unterstützung dieser Projekte zu schaffen.

Anlässlich des Jubiläums feiern Sie an diesem Samstag mit der Gemeinde Heek zusammen einen »Tag der Musik«, bei dem über 1000 Musiker aus ganz NRW nach Nienborg kommen. Ist das auch eine schöne Bestätigung für ihre Arbeit?

Schmid: Ich habe mich unheimlich darüber gefreut, dass allein unsere Trägerverbände mit 30 Ensembles hier vertreten sind. Diese Verbände sind ja im Landesmusikrat zusammengeschlossen, der unser musikalischer Träger ist neben der Gemeinde Heek und dem Kreis Borken. Von den sieben großen Landesjugend-Ensembles musizieren fünf hier an diesem Tag. Das gibt einem auch Bestätigung, dass man auf dem richtigen Weg ist, dass die Akademie die Aufgabe, die sie satzungsgemäß nun mal hat, auch erfüllt. Das finde ich schon sehr schön. Ich finde auch sehr schön, dass die Akademie nicht abgehoben für sich selber feiert, sondern mit der Gemeinde Heek und mit der zweiten großen Kulturinstitution in der Region, dem Künstlerdorf Schöppingen ...

... das ja im selben Jahr gegründet wurde wie die LMA und deshalb auch sein 20-Jähriges feiert. Gibt es denn aus diesem Anlass Pläne, die Zusammenarbeit mit dem Künstlerdorf wieder zu verstärken, wie es früher auch schon der Fall war?

Schmid: Ja, das ist schon richtig. Wir haben allerdings beide Aufgaben, die nicht so große Schnittmengen haben, aber sich ergänzen. Wir haben die Aufgabe, Laienmusiker, Pädagogen und junge begabte Musiker zu fördern. Wir haben nicht die Aufgabe, Berufskünstler zu fördern. Aber das ist genau die Aufgabe in Schöppingen, im Künstlerdorf: dass Künstler gefördert werden. Dass sie ein halbes Jahr lang die Gelegenheit erhalten, sich zurückzuziehen, um ein Buch zu schreiben oder an einem Werk zu arbeiten. Auch die Tatsache, dass in Schöppingen inzwischen auch ein Komponisten-Stipendium vergeben wird, ist ein Zeichen für diese Ergänzung und nicht etwas, das unsere Aufgaben schmälern würde. Denn der Bereich der beruflichen Förderung ist eben beim Künstlerdorf angesiedelt. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch immer wieder gemeinsame Projekte gemacht haben. Vor allem zusammen mit dem ersten Geschäftsführer und Gründervater Rolfrafael Schröer gab es viele Gemeinsamkeiten. Nicht nur weil wir gemeinsam in Schöppingen gewohnt haben - zusammen mit Claus Urban und Piotr Sonnewend. Wir haben oft zusammengesessen und Pläne geschmiedet, waren in einer Aufbruchstimmung und haben immer wieder gemeinsam Projekte angedacht. Ich habe zwei Projekte vor dem Gespräch noch mal Revue passieren lassen: Das eine hieß »Sommernachtsträume«, das war ein Sommerfest für den damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau, das wir gemeinsam ausgerichtet haben. Wir haben damals eine Begegnung von Literatur, Kunst, Performance und Musik gestaltet. Ein sehr schönes Projekt, bei dem es Wortstationen gab, wo Literaten gelesen haben - Michael Jülich, der Musiker war beteiligt, Piotr Sonnewend, der Performance-Künstler Peter Bertram. Seinerzeit ist der Klanggarten entstanden, diese Klang-Skulpturen, die heute bei uns im Amtsgarten stehen. Das war 1992. Und 1996, zum 50-jährigen Jubiläum Nordrhein-Westfalens, haben wir auch ein großes Sommerfest ausgerichtet. Da waren so große Namen beteiligt wie Vinko Globokar, Johannes Kalitzke, Mauricio Kagel, die Musikfabrik NRW. Dazu Literaten, die weit über NRW hinaus klingende Namen haben wie Ingrid Bachér, Jürgen Becker, Astrid Gehlhoff-Claes, Ludwig Soumagne, Thomas Kling, Max von der Grün und Heinrich Vormweg. Da haben wir wirklich Musik, Literatur und bildende Kunst zusammengefügt und haben gemeinsam Konzerte und Veranstaltungen gemacht. Das war sehr schön. Vielleicht ist ja ein Anlass wie das 20-Jährige eine Motivation, zu sagen: »Das wollen wir mal wieder tun!«

Eine letzte Frage, die sich an Ihre Ausführungen anschließt: Sie sind ein Mann der Musik. Mit Blick auf das Künstlerdorf: Welche bildende Kunst gefällt Ihnen?

Schmid: Ich bin von Haus aus begeistert von Literatur. Literatur und Sprachen reizen mich sehr, aber auch Malerei und bildende Kunst. Mich fasziniert, ähnlich wie in der Musik, die Verbindung von großer handwerklicher Meisterschaft - in der Literatur zum Beispiel bei Thomas Mann oder Döblin - und der Fähigkeit der Kreativität. Wenn das zusammen kommt, dann fasziniert mich Kunst aller Sparten. Früher war ja die Kunst eigentlich mehr die Perfektion des Handwerks. Ich würde mir wünschen, dass dieser Gedanke auch in der zeitgenössischen Kunst wieder mehr zum Tragen kommt; dass es nicht nur um große Events geht, darum, groß beeindrucken zu können, sondern auch um die Grundlagen der Kunst.

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