»Erfahrung und Können mit Niveau«

Westfälische Nachrichten, 08.05.2008

Heek-Nienborg. „Die spielen, als hätten sie das schon zehn Mal gemacht.“ Im Konzertsaal der Landesmusikakademie sitzt in der letzten Stuhlreihe ein zufrieden nickender Peter Herbolzheimer. Wer den 73-Jährigen kennt, weiß das man ihn lange nicht immer so sieht. Der künstlerische Leiter der Europäischen Jazzakademie gilt als Perfektionist, wenn es um sein Lieblingssujet geht – Musik, namentlich Jazz.

In der Landesmusikakademie auf der Burg geht es in diesen Tagen um nichts anderes: Zur dritten Europäischen Jazzakademie haben sich die Häuser der Akademie wieder mit Jazzern aus aller Herren Länder gefüllt. Über 100 junge und alte, erfahrene und angehende Musiker und Sänger aus zehn Nationen leben eine Woche lang gemeinsam, proben, experimentieren, lernen und musizieren von morgens bis spät in die Nacht.Auf der Bühne im Konzertsaal probt gerade unter der Leitung von Posaunist Erik van Lier die „Grey Hair Convention“, eine lose zusammengesetzte Big Band aus Hobby-Musikern ab 45 Jahren, die auf hohem Niveau ihrer Leidenschaft frönen. Ganze zwei Mal haben sie sich bisher getroffen. Alle spielen vom Blatt. Nebenan probt die „Master Class“, angehende Profis von 20 bis 25 Jahren, unter Leitung von Saxofonist John Ruocco, wieder eine Tür weiter trifft sich die offene Klasse beim Saxofonisten Heinz von Hermann, und im Keller hat sich spontan eine Salsa-Truppe unter der Leitung von Percussionist José Cortijo zusammengefunden. Die Master Class und die Grey Hair Convention sind Herbolzheimers neueste Projekte. „Vor acht Jahren habe ich angefangen, an dem Konstrukt zu arbeiten“, erklärt er. Die Idee dabei: „Ich will die Trennung von Jung und Alt aufheben, ich will, dass die zusammen Musik machen.“ Er wird unterbrochen von einem Saxofonisten mit schlohweißem Haar, der sich in die Master Class verabschiedet. „Die brauchen Verstärkung.“ Herbolzheimer nickt: „Die Alten haben die Erfahrung und das Können, die Jungen nur das Können“, erklärt er. Darum verlange er von den Teilnehmern, dass sie durch die Ensembles wechseln. Musiker seien oft Vorreiter, etwa beim Abbauen von Vorurteilen. „Woanders werden Senioren abgelegt wie altes Brot. Vielleicht setzt sich die Idee ja durch.“Herbolzheimer gerät ins Schwärmen, während er zur Bühne deutet, wo gerade die ersten Takte von „Just like that“ ertönen. „Wir haben hier Anwälte, Ärzte, Psychologen, einen ehemaligen Opernsänger, Computerprogrammierer, Leute aus der Schweiz, aus Kapstadt, den Niederlanden, und dort an der Trompete sitzt der Enkel von Bert Kämpfert.“Unterdessen verklingen auf der Bühne die letzten Töne. Herbolzheimer steht auf und geht langsam in Richtung Bühne. „Wenn ich Euch das sagen darf“, ruft er. „Der letzte Akkord stimmt nicht, der muss einen Halbton tiefer sein.“ Dann dreht er sich zum Gehen um und nickt wieder. Er ist zufrieden.Christiane Nitsche Mehr ...