»Stationen der Erinnerung«
Ausstellung über Kriegsende, Flucht und Vertreibung
in der Musikakademie eröffnet
Münsterland-Zeitung Ahaus, 28.10.2006
Heek-Nienborg. Vor 60 Jahren kam die erste Welle der Flüchtlinge in Heek und Nienborg an. Was für Auswirkungen das hatte, zeigt eindrucksvoll die Ausstellung »Ich war fremd ... Kriegsende - Flucht - Vertreibung. Bürgerinnen und Bürger aus Heek und Nienborg erinnern sich« des Arbeitskreises »Heeker Geschichte« und des aktuellen forums, VHS. Am Donnerstagabend würde die Ausstellung unter großem Publikumsinteresse im Konzertsaal der Landesmusikakademie in Nienborg eröffnet. Erinnerungskultur gepflegt wurde dabei gleich in mehrfacher Hinsicht: Musikalisch erinnerten Arme Schreiber aus Stadtlohn und Rudolf Innig aus Coesfeld mit zwei Klavierstücken an das Geburtstagskind Wolfgang Amadeus Mozart.
Mit Lesungen von Joseph Freiherr von Eichendorff, Mascha Kaleko und Bertolt Brecht gedachten Hilde Mihatsch, Burga Albers und Emma Wechsel der Thematik in der Literatur. Bernhard van Almsick, Bildungsreferent der Landesmusikakademie, sah in der Schau die »soziale Genese des Gedächtnisses« nach Harald Welzer bestätigt. Marianne Stark-Westkamp, Fachbereichsleiterin der VHS, verwies auf die noch junge Genese des Arbeitskreises seit September 2004. Für Bürgermeister Dr. Kai Zwicker war die Ausstellung als Nachgeborener einer Flüchtlingsfamilie »Aufarbeitung im Geist der Versöhnung und nicht nur Erinnerung.« Ingeborg Höting, Leiterin des Arbeitskreises, bezeichnete sie als »Zwischenergebnis«, das später in eine Publikation münden soll. Der finanzielle Zuschuss der Gemeinde ermöglichte die professionelle Präsentation, dafür verbleiben die bildliche und schriftliche Dokumentation im Archiv der Gemeinde. Der Arbeitskreis ist jederzeit empfänglich für weitere Hinweise, die im Briefkasten in der Ausstellung deponiert werden könnten -emk-
»1945 - Die Stunde Null?«
Mahnender Gastvortrag von Dr. Gisela Schwarze
Die Historikerin Dr. Gisela Schwarze bettete die Ausstellung in das historische Umfeld ein. »Acht Millionen versklavter Europäer« wurden am Kriegsende befreit, darunter Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Sie rächten sich durch Plünderungen und Vergewaltigungen. Erst der Aufbau einer handlungsfähigen Verwaltung durch die Besatzungsmächte schützte vor dem Chaos. Tote mussten beerdigt werden, die Verkehrswege wiederhergestellt und die Versorgung der Bevölkerung gesichert werden. Der schwelende Grenzstreit im westlichen Münsterland zwischen den Niederlanden und den Besatzern und das Gerangel um das Ruhrgebiet boten weiteren Zündstoff. Mit der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen am 17. Juli 1946 beendeten die britischen Besatzer, die Diskussionen. Die Flüchtlingsströme sorgten dann für erneute Tumulte. Alles Fremde wurde abgelehnt, und so wuchsen Neid und Missgunst sowie konfessionelle Diskrepanzen zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen aus »Neu-Polen«.
»Der Zustrom der Flüchtlinge löste ein gesellschaftliches Erdbeben aus«, so Dr. Schwarze. Als Regionalsprecherin Westfalen des Vereins »Gegen Vergessen - Für Demokratie« forderte sie gerade heute zu erhöhter Wachsamkeit gegen Gewalt und für eine friedfertige Gesellschaft auf. –emk–