»Das ganze Dorf ist Musik«
Die Landesmusikakademie in Heek schult Profis und Laien
Steigende Zuschüsse
Westfälische Nachrichten, Kultur, 14.06.2006
Heek-Nienborg. Es herrscht eine geradezu beschauliche Ruhe um das moderne, elegant geschwungene Gebäude. Außer ein paar Vögeln lässt sich hier niemand hören. Dabei ist doch nach den Worten von Professor Thomas Sternberg »das ganz Dorf Musik«.
Aus dem Musikzentrum der Landesmusikakademie dringt an diesem Vormittag jedoch wenig von dem nach außen, was innerhalb der Mauem geschieht. Seminarräume und Übungsräume, ein Tonstudio und sogar ein Konzertsaal befinden sich dort. Ein ganze Horde junge Leute hat eben noch vor dem Gebäude em Pauschen eingelegt. Und jetzt sind sie alle spurlos verschwunden?
Es sind Schüler, die an einem Projekt arbeiten, erläutert Akademiedirektor Ernst Leopold Schmid. Gemeinsam mit dem Bürgermeister der Gemeinde, Dr. Kai Zwicker, weist er im Gespräch mit unserer Zeitung darauf hin, dass die Akademie im letzten Jahr 21.500 Teilnehmertage verbuchen konnte und für dieses Jahr auf eine ähnliche Zahl spekuliert. »Teilnehmertag« besagt, dass der Teilnehmer etwa eines Kurses eine »Verweildauer« von acht Stunden in der Institution hatte, vielleicht auch in einem der Gästehäuser übernachtet hat, 1989, als die Akademie offiziell eröffnet wurde, rechnete man lediglich mit bis zu 14.000 Teilnehmertagen. Die Hütte brummt, könnte man demnach sagen, und wird als eines der kulturellen Highlights im Kreis Borken angenommen, wie Landrat Gerd Wiesmann betont. Und dann die besonders gute Nachricht: Mit 60.000 Euro zusätzlich wird die Akademie in diesem Jahr gefördert. Sieht doch eigentlich alles nach prächtigen Verhältnissen aus.
»Ohne die 60 000 Euro hätten wir das Haus nicht m der bisherigen Weise fortfühien können«, schränkt Direktor Schmid die aufkeimende Euphorie ein. Denn die Landesmusikakademie als einzige Einrichtung ihrer Art in Nordrhein-Westfalen (Bayern hat drei) hält ein vielfältiges Angebot bereit. Dessen erste Säule ist die Förderung der Laienmusik— womit die Akademie, wie Thomas Stemberg als Vorstandsmitglied und zudem Mitglied des Landtags-Kulturausschusses betont, genau in der Linie der Landesregierung liegt. »Wenn drei Kinder zusammen singen, schmeißen sie keine Scheiben ein«, sagt er - und spricht damit auch die zweite Säule der Akademie-Arbeit an: Die Förderung und Weiterbildung der Musikpädagogik. Die Akademie arbeitet mit Musikschulen zusammen, bildet aber auch als Schwerpunktprogramm Lehrer weiter, die an Grundschulen fachfremd Musik unterrichten. Bei der dritten Säule geht es um die Begabtenförderung junger Musiker, für die auch der bekannte Wettbewerb »Jugend musiziert« steht. »Die Preisträger auf Landesebene kommen in die Jugendensembles, und die wiederum lernen unsere Akademie als Arbeitsstätte kennen«, erklärt Ernst Leopold Schmid. So bekommen sie auch Kontakt zu Dirigenten oder nehmen an Meisterkursen teil. Was aus alldem entstehen kann, hat noch jüngst die . »Europäische Jazzakademie« mit Peter Herbolzheimer oder im vergangenen Jahr die Aufführungsreihe von Hans Werner Henzes Oper »Pollicino« gezeigt.
Natürlich zahlen Laien oder Pädagogen, die sich an der Akademie weiterbilden lassen, Kursgebühren. Aber davon kann die Akademie, die nach Auskunft von Bürgermeister Kai Zwicker »immer knapp gehalten worden ist«, nicht existieren. Denn die hohen Standards etwa der Unterbringung, die sie bietet, sind andere als vor 18 Jahren: Man übernachtet überwiegend in Einzel- und Doppelzimmern. Die sind nicht im modernen Musikzentrum, sondern zum Teil in Gebäuden des historischen Burgbereichs Nienborg untergebracht, zum Beispiel einem Bürgerhaus, das im Jahr 2000 gekauft und umgebaut wurde.
Durch ihre unterschiedlichen Gebäude ist die Landesmusikakademie mit dem Dorf verschmolzen. Ihre Musikbibliothek kann von Interessierten aus der ganzen Region genutzt werden, und wer seinen Verwandten die eigenen musikalischen Künste auf CD präsentieren möchte, kann dafür das professionelle Tonstudio nutzen. Vielleicht werden das auch jene Jungtalente tun, die am Vormittag im »Langen Haus«, der Keimzelle der Musikakademie, in vertrauten Popklängen schwelgen: Durch die geöffneten Fenster dringt, dezent aber deutlich, der schöne alte Grönemeyer-Hit von der Currywurst ins Dorf.
–Harald Suerland–