»Miteinander reden und musizieren«
Jazzakademie schult Sinne und mehr

Westfälische Nachrichten Gronau, 02.06.2006

Heek-Nienborg. »Phänomenal!« Ack van Rooyen freut sich. »Ein Stück, das in den Noten so schwer ist, geht doch so schnell zu spielen.« Gut eine Stunde ist vergangen, seit van Rooyen seine Schäfchen zur ersten gemeinsamen Ensemble-Probe zusammengetrommelt hat. »I got another rhythm« von Allan Botschinsky, eine kompliziert-verspielte Hommage an George Gershwins »I got rhythm« wird geprobt. Van Rooyen ist sichtlich mit Spaß bei der Sache, gibt Einsätze mit der erhobenen rechten Faust und schwingt augenzwinkernd die Hüften. Am 1. Januar ist der niederländische Trompeter 76 geworden, seine Leichtigkeit und Virtuosität im Spiel hat das Urgestein des Jazz bis heute nicht verloren.

Fast alle im Raum sind 50 Jahre jünger als ihr Vorbild-Trompeter, Saxophonistin, Sänger, Gitarristen, Schlagzeuger, der Junge an der Hammond-Orgel, der Mann am Klavier. Doch von ehrfürchtiger Distanz ist wenig zu spüren. Hier wird konzentriert gearbeitet, gemeinschaftlich und mit Freude. Dass die Gruppe so schnell zu einem ersten Ergebnis kommt, liegt dabei nicht allein an Vorkenntnissen der einzelnen Musiker. Die Dozenten an der Jazzakademie lassen die Sinne ihrer Schüler arbeiten:
Melodien werden zunächst gesungen, erst dann gespielt, Rhythmen getanzt, dann dirigiert, Liedtexte gelernt, bevor Takte gezählt werden. Van Rooyen und der nicht minder renommierte Posaunist Erik van Lier leiten ein Ensemble an. Einer führt, einer hört: Arbeitsteilung. Die doppelte Leitung gehört zum Konzept der Ensemble-Workshops. Ob bei Jose Cortijo (Percussion), John Hondorp (Hammond-Orgel) und Judy Niemack (Gesang), bei John Ruocco (Saxophon) und Viadislav Sendecki (Klavier), bei Thomas Stabenow (Bass) und Silvia Droste (Gesang) oder Tom van der Geld (Vibraphon) und Bruno Castellucci (Drums) - der Dialog der Dozenten demonstriert – musikalisch wie ausgesprochen – die große Stärke des Jazz: Kommunikation.

»Das Hören ist das wichtigste Element in der Musik«, erklärt Peter Herbolzheimer, der eine Tür weiter einen Themen-Workshop leitet – »Leitung Big Band« lautet das Thema. Hier gibt es zunächst viel theoretischen Input vom Altmeister des europäischen Big Band Jazz. Die von Herbolzheimer 1969 gegründete »Rhythm Combination and Brass« ist legendär. In den 70er-Jahren stellte sie die Hörgewohnheiten des Publikums auf den Kopf. Selbstverständlichkeiten gibt es für den heute 70-Jährigen in der Musik nicht. »Da ist nichts gottgegeben«, doziert er. »Die Hörgewohnheiten schaffen die Leute: Musiker und Publikum.« Gerade in Zeiten, wo Musik immer mehr in den Hintergrund rücke, die Leute abstumpften, sei das so. Das einfache Mittel dagegen: »Musik ist Emotion«, sagt er. »Aber vorher muss man den Kopf einschalten.«

Dr. Matthias Becker lässt laufen. Die Musik kommt vom Laptop – Gospels, Balladen, Chöre. Im Kreis stehen seine Workshop-Teilnehmer um einen mannshohen Spiegel, wiegen sich im Rhythmus, stampfen, schreiten, tanzen. Becker ist promovierter Chordirigent. »Leitung Jazz Chor« heißt sein Thema. »Dirigieren ist Arbeit«, erklärt er. »Wenn Ihr nichts gebt, dürft Ihr nicht erwarten, dass etwas zurückkommt.« Gabriela Koch hat eigentlich erwartet, »dass wir mehr singen.« Die Musikstudentin aus Detmold spielt Querflöte und »will Sängerin sein«. Das Seminar sei für sie »anders als ich dachte, aber vielleicht sogar besser so für meine Arbeit.«
Rudi Rau ist seit elf Jahren »im Jazz unterwegs«. Immer wieder muss der Hobby-Sänger aus Augsburg »Alone together« anstimmen, die Abstimmung per Handzeichen mit der Rhythmusgruppe einüben. Er müht sich redlich. »Hier wird einiges vorausgesetzt«, gesteht er in einer Pause. Doch der 48-Jährige ist glücklich. »Es gibt jeden Tag jede Menge Input.« –Christiane Nitsche–

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