Interview: »Jazz ist Teamwork«
Akademie-Dozent Jeanfrançois Prins über
das Arbeiten für die Zukunft der Musik
Westfälische Nachrichten Gronau, 02.06.2006
Heek-Nienborg. Jeanfrancois Prins ist Leiter der Abteilung Jazz-Gitarre am JIB - Jazz Institute Berlin. Der renommierte belgische Gitarrist, Tontechniker, Komponist und Arrangeur nimmt zum ersten Mal als Dozent an der Jazzakademie in Nienborg teil. Der 39-Jährige ist verheiratet mit der Jazz-Sängerin und Professorin Judy Niemack, die ebenfalls als Dozentin in Nienborg weilt. WN-Mitarbeiterin Christiane Nitsche sprach mit ihm.
»Wie erleben Sie das Arbeiten in der Europäischen Jazzakademie in Heek-Nienborg?«
Prins: »Ich finde es großartig. Alles ist sehr gut organisiert – der Zeitplan, die Abstimmung. Die Einrichtungen sind fantastisch. Ich habe zum Beispiel am ersten Tag nach einer Video-Ausrüstung gefragt, weil ich gerne Videos methodisch-didaktisch einsetze. Das Equipment bekam ich innerhalb eines Nachmittags.«
»Was macht die Lehrtätigkeit außerhalb der großen Institute für einen etablierten Dozenten reizvoll?«
Prins: »In Berlin habe ich mit Studenten zu tun, die alle ein bestimmtes Mindestniveau haben. Hier ist es offen für alle Levels. Das macht es sehr interessant. Und es ist fantastisch zu beobachten, wie viel Respekt die Musiker füreinander zeigen, egal was sie an Können und Erfahrung mitbringen. Dabei profitieren auch die Fortgeschrittenen von den weniger Erfahrenen, denn sie müssen sich nochmal mit den Grundlagen ihres Könnens auseinandersetzen. Von den Dozenten fordert diese Arbeit ein hohes Maß an Sensibilität. Man muss ständig auf Details achten. Hier werden allen Beteiligten die Augen und Ohren geöffnet.«
»Haben Sie hier auch vielversprechende Talente entdeckt?«
Prins: »Oh ja. Gerade vorhin habe ich zum Beispiel mit einem jungen Gitarristen gearbeitet, der wunderbar talentiert ist. Hier gibt es viele interessante junge Leute, die man fördern sollte. Sogar bei den Anfängern spürt man schon eine Flamme.«
»Die Zeiten der 70er und 80er Jahre, als der Jazz auch bei einem breiten Publikum populär war, sind lange vorbei. Wie sieht die Zukunft des Jazz aus?«
Prins: »Ich glaube, es gibt wieder einen Sinneswandel hin zum Jazz. Eine Zeit lang war nur elektronische Musik in den Köpfen der Leute. Doch letzt kann man beobachten, wie mehr und mehr junge populäre Stars sich mit Jazz beschäftigen. Nehmen Sie zum Beispiel die Swing-Platte von Robbie Williams oder Musikerinnen wie Diana Krall oder Norah Jones. Das ist nicht alles Jazz – Folk, Blues – aber interessanterweise erscheint diese Musik auf Jazz-Plattenlabels. Unsere Welt ist sehr stressgeladen. Akustische Musik wird wieder populärer, weil sie organischer ist. Sie gibt der Jugend ein Gefühl von Sicherheit und Aufgehobensein.«
»Macht Musik die Menschen besser?«
Prins: »Definitiv. Gerade Jazz ist Teamwork-Musik, eine Musik, die auf Kommunikation basiert, weil wir sehr viel improvisieren. Jeder ist vom anderen abhängig. Hier in Nienborg wird das in den Ensemble-Workshops deutlich, wo Leute miteinander musizieren, die sich überhaupt zum ersten Mal begegnen und die ganz unterschiedliche Hintergründe haben. Das funktioniert nicht, wenn man nicht sensibel für andere ist. Diese Sensibilität und dabei die individuelle Persönlichkeit eines jeden einzelnen Musikers entwickeln zu helfen: Das verstehe ich als Aufgabe von uns Lehrern. Und ich glaube, hier in Niunborg ist eine wunderbare Mischung an Dozenten zustande gekommen – angefangen bei Peter Herbolzheimer als künstlerischem Leiter. Darin liegt das Geheimnis des Konzepts. Wir werden sicher wunderbare Abschlusskonzerte haben.«
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